Wie könnte ein Vormittag im Waldkindergarten aussehen?

Was machen die Kinder den halben Tag im Wald - ist eine häufig gestellte Frage. Obwohl der Ablauf je nach örtlichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich sein kann, hat sich doch für die meisten Waldkindergärten ein relativ konstantes Schema bewährt, das bei Maria am See etwa wie folgt aussehen könnte:

 

Morgens warten die Erzieherinnen im Garten von Maria am See auf die Kinder. Auf der Wiese stellen sich alle  zum Morgenkreis auf. Nach der Begrüßung stellt ein Kind eine Kerze in die Mitte des Kreises; es wird ein Morgengebet gesprochen, es wird gesungen und getanzt, die Kinder werden gezählt und es werden die "Waldregeln" wiederholt. Dazu gehören: Es wird nichts, also keine Beeren, Pilze oder Tiere, gegessen; nur die Brotzeit wird verspeist. Niemand läuft so weit weg, dass er keinen der Betreuer mehr sieht. Natürlich wird nicht gehauen und geschubst - und mit Stöcken nicht gelaufen.

 

Dann wird entschieden, wohin es heute geht: In den Stadtwald? An den See? Ins Strandbad? Oder vielleicht wollen die meisten im Garten und auf der Seewiese bleiben? Bis zu eine Stunde darf der Marsch zum heutigen Ziel dauern. Dort angekommen erobern sich die Kinder "ihr" Waldgebiet und suchen die ihnen vielleicht schon bekannten Stellen: eine selbst gebaute Laubhütte, den umgefallenen Baum, der ihnen als Eisenbahn, Werkbank oder Küche dient, die Baumstümpfe, die als Tische dienen usw. Werkzeuge wie Sägen oder auch Schnitzmesser kommen zum Einsatz - oder auch mal Knete, Malsachen oder die Hängematte. Alles, was in den Wald mitgenommen wird, befindet sich in einem Bollerwagen und in den Rucksäcken der Kinder. Alles findet draußen statt - daher gehört zum Gepäck auch selbstverständlich ein Klappspaten, Waschwasser und warmer Tee für die Brotzeit.

 

Mit dem Handel im Kaufladen (einer kleinen Waldhütte), dem Toben auf der "Ritterburg" (einer lichten Gruppe von Baumstümpfen auf einer Anhöhe) und dem Kneten von Lehm aus den Baumwurzeln eines umgeworfenen Baumes vergeht die Zeit recht schnell. Alleine oder in Gruppen beschäftigen und spielen die Kinder auf phantasievolle Art mit den Dingen, die sie vorfinden. Manche genießen auch einfach den Blick von einer Anhöhe oder das Bad im Herbstlaub. Die Betreuerinnen sind nicht nur zur Stelle, wenn sie den Kindern beim Gang auf die Waldtoilette hinter dem Busch helfen. Sie halten beispielsweise auch ein Bestimmungsbuch parat, das gerne betrachtet und genutzt wird. Regelmäßig werden die Kinder abgezählt.

 

Neben dem freien Spiel gibt es immer eine gemeinsame Aktivität, die von den Betreuerinnen geplant wurde. Dann werden Lager gebaut, Geschichten erzählt, neue Waldgebiete erobert, Laubbilder gelegt, Laternen gebastelt oder Lieder gesungen.

 

Vor dem gemeinsam eingenommenen (2.) Frühstück stellen sich die Kinder zum Händewaschen an. Dies ist nicht nur als Vorsichtsmaßnahme zur Vermeidung einer Infektion mit dem Fuchsbandwurmerreger notwendig. Auf Thermokissen wird gemeinsam das verspeist, was zu Hause eingepackt wurde, wobei von Seiten der Kindergartenleitung ausdrücklich ein gesundes Frühstück erbeten wird.

 

Bevor der Wald verlassen wird, wird im Abschiedskreis gesungen, getanzt und danach gefragt, was den Kindern besonders gut oder nicht gefallen hat. Gegen Mittag sind die Kinder zurück auf dem Gelände von Maria am See, wo die Eltern ihre verschmutzten, müden und zufriedenen Kinder in empfang nehmen.

 

In Anlehnung an: S. Schaffert: Der Waldkindergarten. In: Das Kita-Handbuch, hrsg. von M. R. Textor und A. Bostelmann,